Text und Fotos von Doris Hein, erschienen am 21. 8. in inSüdthüringen.
Mehr als nur ein Chor – Lange hat es gedauert, bis die Judenbacherinnen einst zu ihrem heiß ersehnten Chor kamen. Heute ist er ihnen ein Stück Familie, mit der sie auch auf internationaler Bühne gut ankommen.
„Von unserer Sorte gibt es nicht mehr sehr viele in der Region“, sagt Silke Fischer. Sie ist nicht nur die Bürgermeisterin der Gemeinde Föritztal, sondern auch seit mehr als zehn Jahren eine der Sängerinnen des Frauenchores im Ortsteil Judenbach. Und der wiederum ist auf kulturellem Gebiet im Landkreis Sonneberg eine Institution. (Ebenso übrigens, wie der Männerchor des Bergdorfes.)
Dabei sind die Mitglieder der Sängergemeinschaft keineswegs alles Judenbacher. Doch der Chor hat sich im Laufe der Jahre einen so guten Ruf „ersungen“, dass stolz ist, wer dort mitwirken kann und darf. Obwohl – dürfen darf eigentlich jeder, der stimmlich etwas „auf dem Kasten“ hat und vor allem das Miteinander im Verein zu schätzen weiß. Und außerdem hat Silke ja Recht: Es gibt zwar noch eine Reihe gemischter Chöre in der Region, aber reine Frauenchöre…?
Reisefreudige Gemeinschaft
Eine Umfrage unter den Sängerinnen fördert zutage, dass sie durchaus auch von weit her anreisen, um dabei sein zu können. Die weiteste Anfahrt zur Probe nimmt etwa Brüni aus Jena auf sich. Ihre Schwester Christina, die selbst im Sonneberger Stadtteil Steinbach wohnt, hat sie eines Tages mitgebracht. Heidrun aus Creunitz, einem Ortsteil von Gräfenthal im Landkreis Saalfeld-Rudolstadt, hat erst vor einem Jahr von der Existenz des Chores erfahren. Seitdem ist sie regelmäßig mit dabei. „Das gemeinsame Singen ist für mich Entspannung pur, und auf dem Nachhauseweg singe ich im Auto weiter“, schwärmt sie.
Undine aus dem Neuhäuser Ortsteil Piesau singt schon seit Kindertagen im Chor. Zu den Judenbacher Sängern hat sie immerhin schon vor vier Jahren gefunden. Brigitte aus Sonneberg war erst 30 Jahre lang im Stadtchor der Kreisstadt aktiv. Mittlerweile singt auch sie in Judenbach – aus Spaß an der Freude, wie sie sagt.
Gudrun aus Neuenbau, gleich neben Judenbach gelegen, gehört zu den alteingesessenen Mitgliedern und singt, „weil ich alle hier mag“, so ihre Begründung. Sie erinnert sich noch gut: „Damals gab es einen kleinen Aushang in der Fleischerei, bei der Nelly. Darauf stand, dass ein Chor gegründet werden soll…“ Also ist sie hingegangen und bis heute dabeigeblieben.
Mit Mundart und Mut zur Gründung
Roswitha Hoffmann weiß ganz detailliert aus den Anfangsjahren zu berichten. Sie ist eine der wenigen „echten“ Judenbacherinnen im Chor und zudem, gemeinsam mit Regina Metzler aus Blechhammer, Mitglied im Arbeitskreis Mundart Südthüringen. Bei den Auftritten des Chores sorgen die beiden Mundartexpertinnen mit Geschichten im heimischen Zungenschlag immer wieder für besondere Farbtupfer im ansonsten musikalischen Programm. Auch die Entstehungsgeschichte des Frauenchores hat Roswitha in Mundart festgehalten.
Ihr Text beginnt mit einem Rückblick auf ein kleines Weihnachtskonzert des Judenbacher Schulchores für Sonneberger Rentner in den 1990ern. Helga und Corinna, die damals draußen auf dem Gang gelauscht hatten, kamen zu Roswitha mit der Frage: „Das, was du da mit den Kindern machst – kannst du das mit uns Judenbacher Frauen nicht auch machen? Wir beide möchten singen und andere bei uns zu Hause auch…“ „Ein- und zweistimmig, das ginge gerade so, aber für drei- und vierstimmigen Gesang – da müsste ich ein Gehör wie der Karajan haben (Karajan, Herbert von – österreichischer Dirigent des 20. Jahrhunderts)“, lautete die Antwort. Und so blieb erst einmal alles in der Schwebe.
Der lange Weg zur ersten Probe
Ein halbes Jahr später, beim Polterabend von Susanne, waren neben besagten sangesfreudigen Frauen auch „de Herr Zach un sei Fraa“ dabei. Während er im Männerchor aktiv war, erzählte man sich von ihr, sie habe das absolute Gehör… Roswitha fasste sich ein Herz und fragte bei Barbara Zach an, ob sie wohl in Judenbach einen Frauenchor leiten würde. „Keine Zeit“, kam die höfliche, aber bestimmte Absage. Ein Jahr später war wieder Polterabend – diesmal bei Annette. Und wieder fragte Roswitha nach wegen des Frauenchores. „Ich überlege es mir“, lautete diesmal die Antwort, und Hoffnung keimte auf. Bis 1997 hat Barbara das Dirigieren beim Männerchor geübt, erzählt die Mundartautorin. Auf ihre dritte Anfrage kam dann endlich die ersehnte Zusage: „Ich versuche es“. Elf Einladungszettel hat Roswitha geschrieben und rundum aufgehängt – in Judenbach, Neuenbau, Jagdshof.
„Dann war er endlich da – der Tag unserer ersten Chorprobe im mittleren Klassenraum des unteren Geschosses unserer Schule, am Mittwoch, 11. Juni 1997“, erinnert sich Roswitha, als sei es gestern gewesen. Vier Sängerinnen – Helga, Corinna, Uta und Roswitha – und Dirigentin Barbara Zach waren sie an diesem Tag. Von da an trafen sie sich jeden Mittwoch zur Chorprobe. Jede Woche kamen neue Leute hinzu. Manch einer kam nur einmal, „die mörschtn ouber sänn gebliem“, sehr zur Freude der Chorgründerinnen.
Bis zum Herbst wusste damals jede, in welcher Stimmlage sie am besten aufgehoben war. Es wurde nicht nur gemeinsam gesungen, sondern auch geredet und gefeiert. Am 4. Oktober wurden sie vom Männerchor zum 16. Chortreffen in Judenbach eingeladen. „Unner Chorchefin Barbara hot uns gführt wie de Karajan. Un mir ham gsunga wie die Göttina“, beschließt Roswitha ihre Erzählung. Gut, dass sie das alles aufgeschrieben hat, denn nur die wenigsten Vereine wissen im Nachgang so detailliert über ihre Entstehung zu berichten…
Vom Volkslied bis nach Südtirol
Die regelmäßigen Proben führten natürlich zu einer Erweiterung des Repertoires. Heute gehören dazu Werke der alten Meister ebenso wie deutsche Volkslieder, Spirituals und Gospels, moderne Popsongs und deutsche Schlager, Musical- und Filmmusiken, kirchliche Gesänge und Weihnachtslieder… Auch die Zahl der Auftritte wuchs von Jahr zu Jahr. Sie sangen und singen in Kirchen und Kulturhäusern der Region, bei Chortreffen, Weihnachtsfeiern und Jubiläen, laden selbst regelmäßig zum „Frühling in Judenbach“ ein. Beim Sänger- und Musikantenstammtisch der Gruppe „Kantholz“ in Neuhaus am Rennweg waren sie genauso willkommen wie beim Fest der Chormusik in Steinach oder beim Big Band Konzert in Neustadt. Immer mit an ihrer Seite war dabei von Anfang an bis heute ihr treuer Pianist Daniel Fuhrmann aus Sonneberg.
Die Judenbacher Sängerinnen sind aber auch weit über die Landkreisgrenzen hinaus als „Kulturbotschafter“ aktiv, etwa beim internationalen Chorfestival „Alta Pusteria“ in Südtirol. Bereits drei Mal haben sie bei diesem einzigartigen Gesangs- und Musikfest Dutzende Chöre mit Tausenden Sängern aus aller Welt kennengelernt, mit ihnen vor der malerischen Kulisse der Dolomiten gesungen und musikalische Grüße aus dem Grünen Herzen Deutschlands überbracht.
Ausgezeichnete Kulturbotschafter
Mitglieder des Judenbacher Frauenchores haben zudem bereits wiederholt an Aufführungen des Projektchores „Thuringia Cantat“ mitgewirkt. Dort haben sie ebenso positive Eindrücke hinterlassen wie beim Südthüringer Chorfestival im Suhler Congress Centrum, beim internationalen Musikfest „Wipfelrauschen“ in Neuhaus-Schierschnitz, bei Konzerten im oberfränkischen Gestungshausen oder beim Deutschen Chorfest im Leipziger Gewandhaus. 2023 wurden das Können und das kulturelle Engagement der Sängerinnen mit dem Kulturförderpreis des Landkreises Sonneberg gewürdigt.
Auch heute kommen immer wieder neue Mitglieder zum Chor hinzu. So etwa Janina aus Weißrussland. Für sie ist das Miteinander im Chor etwas für die Seele, das ihr bei der Integration hilft. Das jüngste Chormitglied, die 34-jährige Fränzi aus Mitwitz, die in Kronach als Musiklehrerin arbeitet, besucht übrigens schon eine Weile die Chorleiterschule in Weimar, an der vor 30 Jahren auch Barbara Zach gelernt hat. Es kann ja nicht schaden, schon einmal einen Nachfolger einzuarbeiten, denn die sind heute rar gesät…
Natürlich freuen sich die Sängerinnen auch immer über neue Zuhörer, Fans und Mitstreiter. Wer Interesse hat, mitzusingen, der darf gerne einmal zum Schnuppern bei einer Probe vorbeischauen. Immer mittwochs von 19.30 Uhr bis gegen 21.30 Uhr im Probenraum im Forsthaus in Judenbach, gleich neben dem Kultursaal 100 und der Freilichtbühne.